Ein kleiner Hof als Innovator

Quelle: Der Altländer Hof im Wandel
Veränderungen der sozialen Strukturen
und des Altagslebens im Alten Land
bei Hamburg im 20. Jahrhundert.
Autorin: Outi Tuomi-Nikula
Auszug, mit freundlicher Genehmigung des Husumverlages.
Das Beispiel zeigt ein kleines Niederdeutsches Fachhallenhaus in Osterjork, das im Jahre 1846 an der Stelle eines abgebrannten Hauses erbaut wurde. Es misst nur 10 x 20 m, Wohn- und Wirtschaftsteil sind gleich groß, und eine Außentür im Wohngiebel hat es wohl nie gegeben. Der Hofgiebel ist um die Länge eines Faches nach innen eingerückt und überwalmt. Ursprünglich gehörten zur Hofanlage ca. 4 bis 5 ha Land sowie etwas Grünland. Die Besitzer dieses kleinen Hofes lebten bereits im 19.Jahrhundert vom Obstanbau, hielten aber auch etwas Vieh, das traditionellerweise in der Diele untergebracht war. Getreide wurde nicht angebaut. Wahrscheinlich verfügte des Haus von Anfang an über eine separate Küche, auch wenn ein eigener Küchenraum bei neuen Häusern erst durch die Feuerordnung des Jahres 1865 vorgeschrieben wurde.
Da die Söhne der Familie den Hof nicht übernehmen wollten oder
konnten, wurde er an die Tochter weitergegeben. Diese heiratete im
Jahre 1897 einen Bauernsohn aus demselben Ort. Während die
Hofbesitzer die beiden vorderen Räume des Hauses bewohnten, hatten
die Magd und der Knecht ihre kleinen, unbeheizten Zimmer im
Wirtschatsteil des Hauses.
Bis zum Jahre 1914 war die gesamte Nutzfläche des Hofes mit
Obstbäumen bepflanzt. Die Wirtschaftlichkeit des Hofes beruhte auf
dem gut organisierten Handel, da die Händler die Ware persönlich
vom Hof abholten. Um das Jahr 1920 konnte der Hofbesitzer seine
Einnahmen noch weiterhin verbessern, indem er mit einem Kahn selbst
nach Berlin segelte, um dort sein Obst zu verkaufen.
Wie die erste Familie hatte auch diese Familie keinen männlichen
Erben, der den Hof hätte übernehmen können. Deshalb führte die
Tochter den Betrieb weiter. Sie heiratete im Jahre 1925 einen
Bauernsohn aus dem benachbarten Dorf Königreich. Wie im Alten Land
üblich, wurden im Zuge der Eheschließung bauliche Veränderungen im
Haus durchgeführt. Nun bekamen die Altenteiler in der Südseite des
Wirtschaftsteils, in der früher die Kühe standen, eigene
Räumlichkeiten, jedoch ohne eigene Herdstelle. Die Tiere wurden in
den neuen separaten Viehstall ausquartiert. Auch diese neue
Hofbesitzerfamilie bewohnte weiterhin mit ihrem einzigen Sohn die
vorderen Räume des Hauses.
Im Jahre 1956 heiratete der Sohn des Hauses wiederum eine
Bauerntochter von der Este. Bereits 1931 wurde eine Wasserleitung
in der Küche gelegt, doch ein Badezimmer und ein Wasserklosett
wurden erst im Jahre 1974 im früheren Knechtezimmer ausgebaut. Beim
Einzug der Braut blieb alles zuerst beim Alten, bis die beiden
Söhne des Paares geboren wurden. Für sie baute man in der Diele
eigene Zimmer aus. Die Magd hatte ihr kleines Zimmer im Anschluss
an die Altenteilerwohnung, in der seit 1941 nur noch die verwitwete
Großmutter wohnte.
Auch dieser Hof musste Flüchtlinge unterbringen. Sie wohnten im
leer stehenden Knechtezimmer. Gekocht haben die Flüchtlinge im
Schweinestall, in dem sie eine separate Kochstelle hatten.
Im Jahre 1977 wurde im Haus eine Zentralheizung verlegt. Das führte
zu baulichen Veränderungen im vorderen Teil des Hauses. Der
südliche Seiteneingang wurde zugemauert und im Bereich der
ehemaligen Vorderdiele eine Wohnstube ausgebaut. Da die
Speisekammer Platz für den neuen Heizungsraum hergeben musste,
verkleinerte man die „gute Stube“ geringfügig. Auch das Altenteil
wurde um einige Meter in Richtung ehemalige Vorderdiele erweitert.
Als einziger Hauseingang diente nun die Grootdör.
Im Jahre 1987 heiratete dann der ältere Sohn, der Hoferbe. Beim
Einzug der jungen Braut wurde die Zimmereinteilung wieder neu
überdacht. Während die junge Familie die ehemalige Diele zur
Wohnung ausbaute, zogen die Altenteiler ins Vorderhaus, in dem aus
der ehemaligen Wohnstube und dem Elternschlafzimmer eine
Doppelstube gestaltet wurde.
Die jungen Eheleute konnten ihr gemeinsames Leben mit 17 ha
Obstfläche beginnen, die im Laufe der Jahre durch Ankäufe und
Pachtungen erlangt worden waren. Wie einst der Großvater des
heutigen Betriebsleiters „gegen den Strom“ schwamm und mutig an den
Obstanbau glaubte in einer Zeit, als die kleinen Obstbauern noch
durch die großen Hofbesitzer als „Murellenbuern“ verspottet wurden,
hatte sein Enkelsohn ebenfalls neue, mutige Marktideen, die den
Betrieb zu neuer Blüte führten. Seine Idee war es, durch
Applizieren einer lichtundurchlässigen Folie ein Herzchen auf den
Apfel zu „zaubern“.
Abb.1: Haus in Osterjork, um 1900; Länge des Hauses: 20 m (Zeichnung. OT-N 2001).
Abb. 2: 1925 (Zeichnung: OT-N 2001).
Abb. 3: 1957-1974 (Zeichnung: OT-N 2001).
Abb. 4: 1977-1986 (Zeichnung: OT-N 2001).
Abb. 5: 1987 (Zeichnung: OT-N 2001).